Die
Visconti-Sforza-Karten
Entstehungszeit
und Künstler
Für
die moderne Tarotforschung von besonderer Bedeutung sind die
Visconti-Spiele, die zwischen 1420 und 1450 in Italien entstanden
sind. 250 Karten dieser Visconti-Spiele sind heute noch erhalten.
Der Name rührt vom gleichnamigen Herzog von Mailand und
dessen Familie.
Unter
den Visconti-Spielen versteht man das
-
Visconti-Sforza-Spiel
-
Visconti-Brambilla-Spiel
-
Visconti-Modrone-Spiel
Für
die These der Visconti-Karten als ursprüngliche Tarotkarten
sprechen vor allen Dingen auch die Trumpfkarten "Päpstin"
und "Der Gehängte".
Da
sich die drei Spiele im Stil sehr ähneln, glaubt die
Tarotforschung an einen Künstler, der alle drei schuf.
Allerdings ist nicht klar, ob dieser Künstler Bonifazio
Bembo, Marziano von Tortona oder die Zavaratti-Brüder
waren. Die Mehrheit der Forscher entscheidet sich mittlerweile
für Bembo und damit würde die Entstehungszeit um
1440 liegen. Das Entstehungsdatum nach der Theorie
der Zavaratti-Brüder wäre bereits 1420.
Die
Trumpfkarten (Trionfi)
Eine
weitere Version der Entstehungsgeschichte des Tarot gab die
zeitgenössische Tarotforscherin Getrude Moakley, die
annimmt, die Trümpfe des Tarot wären von Festwagen
der Renaissance abgeleitet, welche die Tugenden darstellten,
während das Fußvolk die Fehler und Laster repräsentiert
hätten.
Hinzu
kommt, dass die Trumpfkarten, also die Großen Arkana
(Große Geheimnisse), nicht gleichzeitig mit den Karten
an sich (Hofkarten, Zahlenkarten) auftauchten. (Diese bilden
aber einen entscheidenden Unterschied des Tarot zu herkömmlichen
Kartendecks.)
Eine
der ersten Erwähnungen von Trumpfkarten findet sich 1422
am Hof der d'Este in Ferrara. Trotzdem werden die Visconti-Spiele
als die eigentlichen ersten Tarotkarten betrachtet. Der Inhalt
des Tarot hat sich seit den Visconti-Spielen nicht mehr grundlegend
geändert, auch wenn im Lauf der ZEit immer wieder Abwandlungen
auftauchten, vornehmlich bewirkt durch politische Strömungen,
z.B. während der Französischen Revolution wurden
aus der "Herrscherin" und dem "Herrscher"
vorläufig "Großmutter" und "Großvater".
Der
Tarot - Eine Familiengeschichte?
Neben
der Karte der "Päpstin"
zeigt der Visconti-Sforza-Tarot möglicherweise auch andere
Familienmitglieder der Viscontis und Sforzas beziehungsweise
Stationen aus dem Leben dieser beiden Familien. Beispiele:
Der
Wagen

Zeigt möglicherweise verherrlichend den
Einzug Francesco Sforzas in Mailand. "Verherrlichend"
deshalb, da sich der große Condottiere geweigert hatte,
auf einem Triumphwagen Einzug in die Stadt zu halten. Das
"würde nur alten Männern" zugestanden
sein.
Die
Liebenden

Diese
Karte könnte die Vermählung Francesco Sforzas mit
Bianca Maria Visconti zeigen.
Der
Gehängte (s.u.): diese Karte zeigt ein gängiges
mittelalterliches Symbol des Verräters - den Mann, der
an den Füßen aufgehängt wird. Francesco Sforzas
Vater Muzzio Attendolo, ebenfalls ein berühmter Condottiere
seiner Zeit, hatte sich den Ärger des Papstes auf sich
gezogen. Der Papst ließ ein Bild des Condottiere als
Gehängten an die Stadtmauern Roms malen.
Der
Papst: manche Tarotforscher vermuten in dieser Darstellung
den Hl. Ambrosius (333-397 n.Chr., Bischof von Mailand), dem
Stadtpatron Mailands. Als der letzte Visconti-Herzog starb,
wurde von den Mailändern zudem die Ambrosianische Republik
ausgerufen.
Die
Herrscherin: Bianca Maria Visconti gilt als erste Landesmutter.
Der
Turm

In der Nacht als Filippo Maria Visconti starb,
schlug ein Blitz in den Turm des Mailänder Castellos
ein und zerstörte ihn. Es gibt drei verschiedene Karten
des Turmes und die Tarotforschung vermutet, dass diese Karte
(ebenso wie die Karte des Teufels) nachträglich dem Deck
zugefügt wurde und damit nicht aus der Hand desselben
Künstlers stammt wie die restlichen Karten (vermutlich
Bonifazio
Bembo).
Die
drei Visconti-Spiele
Visconti-Sforza-Spiel
- Das bekannteste und vollständigste
der Visconti-Spiele mit 74 noch erhaltenen Karten. Wurde 1974
als Faksimileausgabe von Stuart Kaplan neu aufgelegt (In Deutschland
über den Königsfurth Verlag oder über den Buchhandel
erhältlich). Manche Tarotforscher sehen in den Gringonneur-Karten
die ursprünglichen Tarotkarten. Dagegen sprechen z.B.
aber auch die Darstellungen der "Päpstin" und
"Der Gehängte". Der zeitgenössische Tarotforscher
Michael Dummett sieht im Gehängten einen Beweis dafür,
dass die Visconti-Karten die ursprünglichen Tarotkarten
darstellen: "Der Gehängte wird manchmal l'impiccato
und manchmal il traditore genannt. Er ist kopfüber an
einem Fuß aufgehängt dargestellt, eine Haltung,
in der Verräter dargestellt wurden. Die Mauern des Bargello
in Florenz waren oft mit solchen Gemälden versehen, und
der Papst gab den Befehl, dass der Condottiere Muzio Attendolo,
Francesco Sforzas Vater, in dieser Weise auf allen Toren und
Brücken Roms dargestellt werden solle; denselben Befehl
erließ Ludovico Sforza gegen den verräterischen
Bernardino da Corte, den Gouverneur von Mailand, der das Castello
den Franzosen übergeben hatte. " (Aus dem Zeitschriftenartikel:
Tracing the Tarot, 1985)
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Der
Gehängte
In
der gängigen Vorstellung der italienischen Renaissance
das Bild des Verräters.
Heute
wird der Gehängte als "innere Einkehr"
gesehen, um eine neue Sicht der Dinge zu erlangen.
Aber
auch Menschen, die nicht mehr mit beiden Beinen auf
"dem Boden der Tatsachen" stehen, sich aus
einer Angelegenheit "heraushalten" möchten,
werden mit dem Gehängten symbolisiert.
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Visconti-Brambilla-Spiel
- Befindet sich heute in der Pinacoteca
de Brera in Mailand.
Visconti-Modrone-Spiel
- Ebenfalls nach seinem Besitzer benannt, befindet sich
heute in der Cary-Sammlung in der Beinecke-Bibliothek in Yale.
Im Gegensatz zu den beiden anderen Visconti-Spielen enthält
dieses Deck auch die drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung
und Liebe. Zudem scheint jeder Satz sechs (statt vier) Hofkarten
beinhaltet zu haben, da es auch weibliche Ritter und Buben
gab. Die Gemeinsamkeit mit dem Visconti-Sforza-Spiel (s.u.)
sind die geraden Schwerter (im Visconti-Brambilla-Spiel sind
die damals in Italien üblichen geschwungenen Schwerter
dargestellt). Die Verbindung mit dem Visconti-Brambilla-Spiel
liegt in der Darstellung von Pfeilen statt Stäben auf
manchen Karten.
Falls
Sie sich für die Karten interessieren
Den
Visconti-Tarot gibt es in einer sehr schönen, mit Goldfolie
gedruckten Ausgabe für 22,90 Euro im Königsfurth
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